Mieterverein hat Folgen von Wohnungsprivatisierungen untersuchen lassen
15.05.09 | Rubrik: Lokale Agenda 21
Vor dem Hintergrund erheblicher Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt hat der Mieterverein die Folgen von Siedlungsverkäufen in Bochum untersuchen lassen.
Die wissenschaftliche Leitung hatte dabei Dr. Sebastian Müller inne. Mitautoren der Studie sind Martin Krämer, Daniela Oesterreich, Cathrin Thier und Michael Wenzel.
Der Großverkauf von Wohnungen hat vor Bochum nicht halt gemacht. Er war - anders als in vielen Nachbarstädten - aber nicht so spektakulär, denn in Bochum ist der Wohnungsbestand überwiegend in der Hand von Hausverwaltungen und privaten Eigentümern. Wie sich die Eigentümerwechsel auf Mieter und Mietstrukturen sowie den Wohnungsbestand auswirken, sollte durch die wissenschaftlich durchgeführte Studie genauer beleuchtet werden. Ein Ziel ist es auch, einen Beitrag zu leisten, die Debatte über Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Wohnungspolitik in Bochum, den Stadtteilen und Vierteln intensiver zu führen.
Im Bericht zur Untersuchung werden zunächst die Privatisierungsgeschichte der letzten 50 Jahre und die Widerstände aufgeführt sowie die Wohnungsunternehmen in Bochum vorgestellt. Im Hauptteil werden in acht Siedlungsportraits die untersuchten Siedlungen im Stadtgebiet vorgestellt. Diese lassen sich in zwei Typen unterscheiden: vernachlässigte Typen der 70er Jahre und Mieterprivatisierte Zechen- und Stahlarbeitersiedlungen der 50er Jahre.
Zum ersten Typus gehört beispielsweise das Uni-Center. Dieses - eine ehemalige Top-Adresse, wenn auch schnell mit Leerständen - wurde von einem privaten Investor gekauft und seit 2006 aus der Ferne verwaltet. Mieter berichten über ein völliges Ausbleiben jeglicher Instandhaltung. Sie erleben das Herunterwirtschaften am eigenen Leib, leben in feuchten Wohnungen, mit vergammelten Hausfluren. Auch haben die Bewohner den Eindruck, dass falsche Nebenkostenabrechungen erstellt werden. Selbst Mietkürzungen aufgrund von Mängeln nimmt das Unternehmen eher in Kauf, als Investitionen zu tätigen. So erleben die Mieter, dass die neuen Eigentümer ihre Wohnungen lediglich übernommen haben, um "das große Geld zu machen". Und sie stehen vor der Frage: Bleiben oder Gehen? Manche können nicht, manche wollen nicht. Denn die räumliche Lage ist nach wie vor optimal, mit U-Bahn-Anschluss, direkter Nachbarschaft der Uni, und Geschäften im Erdgeschoss. Vergleichbar schlecht ist die Situation bei den anderen beiden untersuchten Wohnkomplexen "Gropiusweg" und "Girondelle".
Bei den 50er-Jahre Zechen- und Stahlarbeitersiedlungen sind die Wirkungen der Eigentümerwechsel deutlich heterogener und zeigen oft auch positive Effekte.
Die Häuser werden meist komplett, nicht Wohnungsweise verkauft. Bei der einzigen Ausnahme - der Evertstalsiedlung - ist dann auch ein Großteil der einzeln zu erwerbenden Wohnungen noch ohne Käufer. Die neuen Eigentümer ziehen bevorzugt in das Erdgeschoß und beanspruchen den ehemals gemeinschaftlich genutzten Garten für sich. Neu errichtete Zäune stecken den erworbenen Besitz ab und erschweren die vormals freien Wegeverbindungen zwischen den Häusern. Die Bewohnerzusammensetzung hat sich in allen Fällen gewandelt; Verdrängungen der alteingesessenen Mieter waren zu beobachten. Oft wurde berichtet, Mieter seien aus Angst schneller ausgezogen, als es nötig gewesen wäre. Weitere Einflussfaktoren waren das nötige Kapital zum Eigentumserwerb, Mieterhöhungen sowie Mobbing.
Die Privatisierung hat aber auch zu mehr Aktivität unter den Bewohnern geführt. Siedlungen wurden offener für junge Familien und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. In der Kolonie Hannover schlossen sich die ehemaligen Mieter zu einer Siedlergemeinschaft zusammen. Dort wurden die meisten Häuser von den Bewohnern selbst gekauft. Nach Ansicht der Bewohner hat sich das Zusammenleben dort als ansonsten eher seltener Fall verbessert.
Ingesamt kommt die Studie zu dem Schluss, dass die Folgen der Wohnungsverkäufe und -privatisierungen in Bochum höchst unterschiedlich ausfallen. Ohne Einfluss war der Verkauf in keiner der untersuchten Siedlungen.
Die 48-seitige Studie steht unter www.mieterverein-bochum.de als PDF-Datei zum Download bereit.
