HWG will Westenfeld "platt machen"
01.12.02 | Rubrik: Vermieter
Hattingen an der Ruhr, Ortsteil Winz-Baak. Die Straße "Im Westenfeld" verbindet die verkehrsreichen Bochumer und Wuppertaler Straße und ist doch ganz ruhig, ohne jeden Durchgangsverkehr. Die Siedlung wurde 1925 als "Allgemeiner Arbeiterwohnungsbau" in Genossenschaftsform mit Eigenleistung der späteren Mieter gebaut und 1965 behutsam nachverdichtet. Zwischen den Häusern gibt es immer noch viel Grün, der Blick geht auf die nahe Ruhr. Schön wohnt's sich hier. Doch die Mieter sind beunruhigt.
Denn die heutige Eigentümerin, die Hattinger Wohnstätten-Genossenschaft (HWG), will die ganze Siedlung abreißen. Natürlich nicht einfach so. Neubau ist geplant, allerdings nicht für Mieter. Hier sollen neue Eigenheime entstehen, die Mieter umgesiedelt werden.
Diese Pläne sickerten Ende Juli durch. Nach ersten Presseberichten lud die HWG eiligst alle Mieter zu einer Versammlung ein, um der entstehenden Unruhe durch Informationen aus erster Hand zu begegnen. "Sie sind unsere Mitglieder und sollen es bleiben. Sie sind uns lieb und wichtig", versuchte HWG-Geschäftsführer Burkhard Sibbe die Wogen zu glätten: "Wir werden für jeden von Ihnen eine individuelle Lösung finden."
Gleichzeitig bat er die Mieter, die er vertreiben will, um Verständnis: "Die Vermietungssituation im Jahre 2002 ist ganz anders als früher. Die Wohnungen im Westenfeld sind nicht mehr zeitgemäß, manche haben das Bad noch auf dem Flur. Es gibt bereits Leerstände und eine Modernisierung würde sich nicht rechnen. Als Genossenschaft müssen wir ja nicht nur an Sie, sondern an alle Mitglieder denken. Und nur wenn es uns als Genossenschaft gut geht, sind wir auch ein verlässlicher Partner für unsere Mitglieder."
Mieter wollen bleiben
Doch das Verständnis im Publikum hielt sich sehr in Grenzen. Nur eine Mieterin fand, die Wohnungen seien marode und ein Fall für die Abrissbirne. Alle anderen wollten bleiben. Zwar gäbe es einzelne Missstände, aber insgesamt seien die Wohnungen in Schuss gehalten worden, fast alle hätten Bäder, alle Heizungen und Isolierfenster.
Vor allem eines wollen die Westenfelder nicht: ins benachbarte Rauendahl umziehen. Das hat die HWG zwar gerade mit zweistelligem Millionen-Aufwand modernisieren lassen und es gibt noch etliche Leerstände dort. Aber wer bisher in zwei- bis drei-Parteien-Häusern gewohnt hat, kann sich ein Leben zwischen diesen Betonklötzen schlecht vorstellen. Und der schlechte Ruf des Rauendahls ist mit der Sanierung ja auch nicht schlagartig verschwunden. Viele fürchten auch, sich die dortigen Mieten nicht leisten zu können.
Unterstützt vom Mieterverein luden einige Mieter Anfang November zu einer eigenen Veranstaltung in die Grundschule Oberwinzerfeld ein. Dort erfuhren die Westenfelder, dass niemand sie zum Auszug zwingen kann. Aber gleichzeitig wurde auch klar, dass sie zusammenhalten müssen, wenn sie ihr Viertel erhalten wollen.
Aichard Hoffmann vom Mieterverein malte ein durchaus realistisches Szenario: "Irgendwann kommt die HWG mit konkreten Angeboten. Eine schicke Ersatzwohnung, nicht zu teuer, großzügige Umzugsbeihilfe. Der ein oder andere geht darauf ein, nach und nach immer mehr. Immer mehr Wohnungen stehen leer, vielleicht wird auch das ein oder andere freigezogene Haus schon abgerissen. Dann wird's auch für die Übrigen ungemütlich."
Noch sind sich die Mieter, angeführt von dem streitbaren Hans-Jürgen Fiedrich und der Familie Woelke, einig. Und es ist ja auch noch Zeit. Frühestens 2005 will die HWG ihr Vorhaben in Angriff nehmen. Und eines stellte der eingeladenen HWG-Geschäftsführer auch klar:
"Sollte sich herausstellen, dass wir nicht abreißen können, werden wir irgendwann modernisieren müssen. So billig wie heute bleiben die Wohnungen dann auch nicht."
Es gab einige im Publikum, die das als Drohung aufgefasst haben. Den Westenfeldern stehen unruhige Zeiten bevor. Gut, dass sie im Mieterverein einen Partner haben, der mit Mieterinitiativen reichlich Erfahrung hat. Nicht nur bei drohendem Abriss. Sondern auch bei Modernisierung.
dazu unser Kommentar: "Die Menschen nicht vergessen"
ergänzender Bericht: Es geht auch anders
