Kommentar: Die Menschen nicht vergessen

01.12.02 | Rubrik: Vermieter

Es ist einfach schrecklich mit uns Deutschen! Immer wollen wir, dass alles so bleibt, wie es ist. Jede Veränderung ruft erst mal Skepsis hervor: Es könnte ja schlimmer werden, sagen selbst die, die mit ihrer jetzigen Situation alles andere als zufrieden sind.

Im angelsächsischen Raum werden gerne die "winds of change" besungen. Bei uns wehen er die Winde des Beharrens. Und die blasen zur Zeit der HWG ins Gesicht. Dabei plant sie doch nur, was die wirtschaftliche Vernunft gebietet.

 

Der Wohnungsmarkt ist schwieriger geworden. Lang nicht mehr jede Butze lässt sich zu jedem Preis vermieten, wie das noch vor zehn Jahren war. Kleine, schlecht ausgestattete Wohnungen gelten als "nicht mehr marktfähig". Es gibt Leerstände.

 

Und da hat so eine Genossenschaft einerseits ein frisch modernisiertes Viertel, in dem noch etliche Wohnungen frei sind. Und nur ein paar hundert Meter weiter eines, dessen Mieterträge jeder Beschreibung spotten, gemessen an dem, was man erzielen könnte, wenn man etwas Lukrativeres dort bauen könnte. Wer fit für die Zukunft sein will, muss seinen Wohnungsbestand in Schuss halten, das sagt sogar der Mieterverein. Und dazu braucht man Geld, dass man erst mal verdienen muss. Und schließlich wollen Genossenschaftsmitglieder auch Dividenden für ihre Anteile sehen.

 

Und was passiert? Die Mieter legen sich quer. Wollen nicht weichen. Und das Mietrecht ist auf ihrer Seite. Denn einen Kündigungsgrund für Vermieter a la "ich könnte hier mehr verdienen" gibt es im Gesetz nicht.

 

Das weiß auch die HWG. Deshalb setzt sie auf Verhandlungen und individuelle Lösungen. Dabei wäre sie gut beraten, sich darüber im Klaren zu sein, dass sie es im Westenfeld nicht mit wissenschaftlichen Marktanalysen oder Gewinn- und Verlustrechnungen zu tun hat, sondern mit Menschen.

 

Deren Bedürfnisse zu befriedigen, sollte vornehmste Aufgabe von Vermietern sein, erst recht aber von Genossenschaften. Denn deren Mieter sind gleichzeitig Mitglieder - also die Genossenschaft selbst. Und - schwaches Argument, Herr Sibbe! - niemand wird Mitglied in einer Genossenschaft um der Dividende willen. Sondern, um preiswerten Wohnraum zu erhalten.

 

Der würde durch einen Abriss unwiederbringlich vernichtet. Denn was stattdessen neu gebaut wird, das können sich die Mieter im Westenfeld nicht leisten. Natürlich sind Neubauten auch in ökologischer Hinsicht - Stichwort: Energieverbrauch - zu begrüßen. Doch es gibt auf unserem angeblich so gesättigten Wohnungsmarkt auch noch Menschen, die auf preiswerten Wohnraum angewiesen sind. Und die darf man nicht vergessen.

 

aha


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