Interview: Die Wärmewende in dezentral beheizten Mietwohnungen

Rund 35 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland fallen in den Bereich Wohnen. Für den Klimaschutz spielen folglich Maßnahmen zur energetischen Sanierung und der Einsatz von erneuerbaren Energien eine zentrale Rolle. Dabei gehen die großen Wohnungsunternehmen unterschiedliche Wege: Die LEG plant dezentral beheizte Wohnungen mit Luft-Luft-Wärmepumpen auszustatten. Der Spar- und Bauverein will den Althoffblock an die Fernwärme anschließen. Mit dem Vorstandsmitglied des Mietervereins Dortmund Martin Steinestel, der sich beruflich seit Jahren mit Energieberatung und Klimaschutz beschäftigt, begab sich das Mieterforum auf die Suche nach sinnvollen technischen Lösungen.

Mieterforum: Worin liegt die Herausforderung bei der Modernisierung von dezentralen Heizungen?

Martin Steinestel: Die Wärmewende erfordert einen steigenden Anteil erneuerbarer Energien in der Wärmebereitstellung für Raum-wärme und Warmwasser. Gerade in Dortmund gibt es noch viele Wohnungen, die nicht an eine Zentralheizung angeschlossen sind, sondern dezentral erwärmt werden Dazu gehören Wohnungen mit einer Gastherme (Gasetagenheizung), einem Nachtstromspeicher oder mit Gas- oder Öl-Einzelöfen. Bei einer Erneuerung der Heizungsanlage sind Zentralheizungen für ein ganzes Gebäude im Vorteil, weil bei diesen „einfach nur“ ein Gaskessel im Keller durch eine Wärmepumpe oder einen Fernwärmeanschluss ersetzt werden muss. Die Umrüstung dezentral beheizter Wohnungen erfordert mehr Abwägung und Planung. Eigentümer:innen müssen die Gasanschlüsse stilllegen und zurückbauen, eine alternative, nachhaltige Heizungsvariante im Gebäude realisieren und die Heizkosten verteilen.

Mieterforum: Wer entscheidet über die Heiztechnik und den Energieträger?

Martin Steinestel: Generell entscheiden die Eigentümer:innen über den Energieträger und lassen die zugehörige Technologie einbauen. Somit schaffen sie in diesen Gebäuden technische Sachzwänge. Mieter:innen können nicht mitentscheiden. Bei dezentralen Heizungen müssen sie die Verantwortung für den Betrieb (Wartung, ggf. Schornsteinfeger) übernehmen und haben maximal die Wahl des Energielieferanten. Nach wie vor – und im Zuge der kommunalen Wärmeplanung noch mehr – gilt es hier, die Eigentümer:innen an ihre Pflichten zu erinnern, welche sich aus Verfassung und Gebäuderichtlinien ergeben.

In den letzten Jahren wurden bereits in vielen Siedlungen Gasetagenheizungen durch Zentralheizungen ersetzt. Was spricht dafür?Grundsätzlich ist eine Zusammenführung der Etagenheizungen energetisch, technisch und auch perspektivisch sehr sinnvoll. Es muss jedoch zuvor die zukünftige Form der Wassererwärmung geklärt werden. Wenn das Trink- und Duschwasser bisher schon elektrisch erwärmt wurde, so wird das wohl auch zukünftig die einfachere Lösung sein – ggf. dann mit moderneren Durchlauferhitzern.

Mieterforum: Was ist bei der Versorgung mit Warmwasser zu beachten?

Martin Steinestel: Gasetagenheizungen erfüllen oft eine Doppelfunktion: Heizung und Warmwasser. Wird bei einer Modernisierung beides zentralisiert, ist das mit viel Aufwand und Installation verbunden, weil zusätzlich eine hausweite Warmwasserzirkulation einzubauen ist. Wer nur die Heizung zentralisiert, kann darauf verzichten und sowohl die erforderliche Gesamtheizleistung als auch die Fixkosten für eine Wärmepumpe oder einen Fernwärmeanschluss reduzieren. Die Wassererwärmung erfolgt dann in jeder Wohnung separat – zum Beispiel elektrisch oder mit einer kleinen Wärmepumpe mit Warmwasserspeicher, die das zentrale Heizungssystem als Wärmequelle nutzt.

Mieterforum: Ist Warmwasser mit Strom denn nicht teurer?

Martin Steinestel: Das hängt davon ab. Wenn das Wasser bereits zuvor elektrisch erwärmt wurde, ändert sich nichts – im Idealfall verbessert sich sogar die Effizienz durch Umrüstung auf elektronische Durchlauferhitzer oder den Einbau von Thermostatmischern an Duschen. Wird von Gas auf elektrische Wassererhitzung umgestellt, so ist der Strom zwar der teurere Energieträger, aber fossile Energieträger werden zunehmend mit CO2-Abgaben beaufschlagt. Dagegen ist im örtlichen Strommix (und bei Ökostrombezug ohnehin) schon ein relativ hoher Anteil an erneuerbaren Energien enthalten. Durch eine Entscheidung gegen eine zentrale Warmwasserzirkulation lassen sich zusätzliche Verteilverluste und Kosten vermeiden.

Mieterforum: Welche Vorteile hat die Zusammenlegung der Gasetagenheizungen?

Martin Steinestel: In jeder Wohnung ist mit den Heizkörpern und Heizleitungen schon ein wesentlicher Teil des Heizungssystem vorhanden. Die wohnungsseitigen Systeme werden nur noch verbunden, z.B. über einen nicht mehr genutzten Kamin, und zentral über eine Heizung versorgt. Auch im Sinne späterer Umstellungsbedürfnisse, wie der Anschluss an Nah- oder Fernwärme oder an eine Wärmepumpe, ist ein Zentralheizungssystem für das Bestandsgebäude technologieoffen, effizient und weniger betreuungsintensiv. Wartungsarbeiten, Schornsteinfeger, Reparaturen etc. fallen nur noch an einer zentralen Einheit an und nicht in jeder Wohnung.

Mieterforum: Wie sind die technischen Alternativen für Gasetagenheizungen abzuwägen?

Martin Steinestel: Es ist zu klären, ob und wie sich eine klassische Zentralheizung realisieren lässt, damit die vorhandene Infrastruktur für die Beheizung der Wohnung weiterhin nutzbar bleibt. Für eine vorausschauende Planung ist es wichtig zu wissen, ob das Gebäude im Zuge der kommunalen Wärmeplanung zukünftig im Fernwärmeausbaugebiet liegt und welche Übergangslösungen möglich sind.

Mieterforum: Was wäre wichtig, damit die Umstellung für Mieter:innen günstig erfolgt?

Martin Steinestel: Private Kleinvermieter:innen, Hausverwaltungen und WEGs sollten unbedingt von der Kommune oder dem Land darin unterstützt werden, eine passende Lösung für das Gebäude zu finden. Anreize sollten geschaffen werden, sich frühzeitig damit zu befassen und Übergangslösungen für erst später zugängliche Wärmenetze möglich gemacht werden. Wer als Eigentümer:in die Probleme aussitzt, findet später keine durchdachte Lösung und holt sich im Zweifel weitere Konflikte ins Haus. Im Zuge der Wärmewende ist sowohl energietechnisches als auch mediatives Know-how gefragt. Mit einer Energieberatung, einem durchdachten Modernisierungskonzept und frühzeitiger Einbeziehung der Bewohner:innen schafft man Akzeptanz für die bevorstehenden Maßnahmen. Insbesondere ist es bei WEGs wichtig, dass Eigentümer:innen vereint die Modernisierung anstreben und sich dafür eine externe Moderation zur Unterstützung holen. (mar)

 

Checkliste für Mieter:innen

– Ist die Modernisierung sinnvoll?

– Wohne ich in einem Fern- / Nahwärmeausbaugebiet?

– Wird mein Wasser bisher mit Strom erhitzt? Sind Elektroleitungen für Durchlauferhitzer vorhanden oder gibt es Platz für eine kleinem Warmwasserwärmepumpe?

– Habe ich noch einen alten hydrauli-schen Durchlauferhitzer? Die Erneuerung durch elektronische Geräte spart deutlich Wasser und Strom (vgl. Duschrechner der VZ: www.verbraucherzentrale.nrw/duschrechner)

– Wie alt ist die Gastherme in meiner Wohnung? Bis wann müsste sie erneuert werden?

-Habe ich meine Vermieter:in schon auf eine günstige, neutrale Energieberatung hingewiesen?

Dieses Interview erschien zuerst in der Zeitschrift Mieterforum Ruhr des Mietervereins Dortmund.