Mieterforum Bochum - Nr. 63

Mieterforum I / 2021 18 ::: Bochum In Bochum gibt es keinen allgemeinen Wohnungsengpass wie in Bonn, Köln, Düsseldorf oder Münster. Aber es gibt viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit geringem Einkommen. Hier sind die Versorgungsquoten praktisch genauso schlecht wie in den Wohnungsnot-Städten am Rhein. Das ist seit Jahren bekannt und praktisch niemand in Politik und Verwaltung leugnet es mehr. Jetzt hat auch noch das Hannoversche Eduard-Pestel-Institut errechnet, dass ausgerechnet für diese Bevölkerungsgruppe die Mieten überproportional steigen. Die vom Job-Center übernommenen Mie- ten für Single-Haushalte stiegen inner- halb von gut sechs Jahren (März 2014 bis August 2020) um 18,0 Prozent, wäh- rend die Verbraucherpreise in diesem Zeit- raum nur um 6,5 Prozent zulegten, hat das Institut ermittelt. „Bei den Mieten wird oft rausgeholt, was rauszuholen ist. Dabei bauen Vermieter auf die Job-Center‘ als ‚zuverlässige Zahl- stelle‘. Diese übernehmen zwar nur die Kosten für Wohnungen ‚einfachen Stan- dards‘. Auf genau diese Wohnungen sind aber nicht nur Hartz-IV-Empfänger ange- wiesen, sondern eben auch die vielen an- deren Haushalte mit niedrigen Einkom- men“, sagt der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther. Regelsatz nicht betroffen Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den Beziehern von Transferleistungen (Sozialhilfe, Grundsi- cherung, ALG II) und denjenigen, die aus eigener Arbeit ein geringes Einkommen erzielen. Erstere erhalten die „Kosten der Unterkunft“ zusätzlich zum Regelsatz, so- daß sie bei steigenden Mieten keine Ein- bußen haben, solange die Angemessen- heitsgrenzen nicht überschritten werden. Was Wohnungsunternehmen, die sich auf diese Mieter spezialisiert haben, natürlich vermeiden. Die Mietsteigerungen gehen also zu Lasten der Kommunen. Wer sein Geld jedoch selbst verdient, auch wenn es wenig ist, für den steht je- der Euro, den der Vermieter mehr kassiert, zum Leben 1:1 weniger zur Verfügung. Wohnungswechsel wird teuer Steht – aus welchen Gründen auch immer – ein Wohungswechsel an, wird es be- sonders schwierig. Das Angebot an güns- tigen Wohnungen ist laut Pestel-Institut rar. Und gerade Neuvermietungen nutz- ten viele Vermieter aus, um Maximalmie- ten zu erzielen. Die Verantwortung sieht das Institut den- noch bei der Politik: Denn letztlich habe Pestel Institut Mieten für Geringverdiener besonders stark gestiegen eine unzureichende Wohnungspolitik dazu geführt, dass auch in Bochum bei einem insgesamt nahezu ausgeglichenen Wohnungsmarkt die Mieten für einfache Wohnungen stark gestiegen sind. Fast ein Viertel der Beschäftigten arbeitet nach Angaben des Pestel-Instituts bun- desweit im Niedriglohnsektor: Vom Min- destlohnbezieher über Alleinerziehende bis hin zu Rentnern, die ihre kleine Ren- te mit einem Minijob aufbesserten. „Der Staat agiert inzwischen mangels eige- ner Wohnungen als Mietentreiber, weil er Mieten akzeptieren muss, bei denen viele Vermieter offensichtlich die Schmerzgren- ze ausreizen“, so Matthias Günther. Foto: Pestel-Institut

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