Mieterverein Bochum - Nr. 69

Mieterforum III / 2022 12 ::: Bochum MF: Sind Sie jetzt zufriedener mit den Konzepten fur die Versorgung Obdachloser in Bochum? Putter: Man braucht besondere Kältekonzepte eigentlich nicht, wenn man eine Angebotsstruktur hat, die funktioniert. Die zunehmenden Extremwetterlagen haben eigentlich lange schon den alleinigen Fokus weg von der Frostperiode verschoben. In der Hitzewelle im August hatten wir in Dortmund, wo wir ja auch sind, zwei Todesfälle auf der Straße. Obdachlosigkeit ist eine durchgehende korperliche und psychische Belastung, und zwar zu jeder Jahreszeit. Die Leute sind im Dauerstress, die durchschnittliche Lebenserwartung auf der Straße beträgt 49 Jahre. MF: Was meinen Sie mit „funktionierender Angebotsstruktur“? Putter: Wir brauchen drei Dinge. Zum einen einen sehr niedrigschwelligen Zugang zu Beratung. Die Leute sind nicht so stabil, dass sie mit einem Termin nachste Woche Mittwoch etwas anfangen konnen. Wenn sich jemand soweit gesammelt hat, dass er oder sie gerade die Energie hat, ein Problem anzupacken, dann muss die Hilfe eigentlich sofort erreichbar sein – wie in der Suchthilfe. In dem Punkt ist Bochum aber eigentlich ganz gut aufgestellt. Dann brauchen wir zentral gelegene Aufenthalts- und Versorgungseinrichtungen. Obdachlose sind 24 Stunden am Tag draußen, und zwar im Stressmodus: Darf ich hier sein, wo ich bin? Kommt das Ordnungsamt und vertreibt mich? Macht mich irgendjemand an? Die Leute brauchen Inseln, wo sie sich erholen konnen. Viele Betroffene sind wenig mobil. Mit der Zentralität sieht es in Bochum eher schlecht aus. Und drittens muss es einen nicht beschrankten Zugang zu Schlafgelegenheiten geben. Die Kommunen sind verpflichtet, Übernachtungsmöglichkeiten bereitzustellen. Dort Zugänge zu erschweren, bürokratische Hürden einzuziehen oder Gruppen ganz auszuschließen, ist der falsche Weg. MF: Gibt es denn ausreichend Schlafstellen in Bochum? Putter: Im Prinzip ist es ja ausreichend, wenn es ein Bett mehr gibt als in einer konkreten Nacht Leute vor der Tur stehen. In Bochum gibt es das Fliednerhaus, das ist neu und hat einen sehr guten Standard. Hier wird aber gerade die Zahl der Schlafplätze reduziert und gleichzeitig, befürchten wir, der Zugang beschränkt. Wir kennen aus vielen Städten das sogenannte Kostenträgermodell, das den Zugang zu Schlafplätzen an eine Kostenübernahme z.B. des Sozialamts koppelt. Wer keine Sozialleistungen erhält, muss selbst zahlen oder draußen bleiben. Bisher lief es in Bochum eher unbürokratischer, jetzt scheint die Stadt auf dieses Modell einzuschwenken. Die Frage ist also nicht: Gibt es genug Schlafplätze?, sondern eher: Wer muss draußen bleiben? MF: Ist das nicht ohnehin eine weit verbreitete Methode gerade im Ruhrgebiet, wo sich Stadt an Stadt reiht, dass man es fur Obdachlose moglichst unbequem macht, damit sie woanders hingehen? Putter: Es gibt in einigen Ruhrgebietskommunen die Sorge vor Pull-Effekten, also davor, dass funktionierende Angebote Wohnungslose anziehen würden. Wir würden es aus unseren Erfahrungen eher anders beschreiben: Sind die Bedingungen zu schlecht, suchen Menschen anderswo Hilfe. Als in den Lockdowns zu Beginn der Pandemie die Versorgungsangebote in Bochum fast auf Null gefahren wurden, trafen wir Bochumer Wohnungslose dann in Dortmund an. MF: Was musste sich denn andern fur ein gutes Angebot? Putter: Wenn ich einmal etwas größer ansetzen darf: Wir brauchen wirklich so etwas wie einen Systemwechsel. Obdachlosigkeit ist nichts, was man schon machen sollte oder auch nur kann, sondern etwas, Interview „Niemand ist freiwillig obdachlos!“ Im Februar 2021, mitten während des plötzlichen und heftigen Kälteeinbruchs, machte ein WDR-Film über die Situation von Obdachlosen in Bochum Schlagzeilen. Der Film zeigte Obdachlose, die bei klirrendem Frost vergeblich um Aufnahme in den Tagesaufenthalt baten oder stundenlang auf die Öffnung der Übernachtungsstelle warten mussten. Schon im Dezember zuvor hatte das Obdachlosenmagazin bodo das Kältekonzept der Stadt Bochum heftig kritisiert: „Das Konzept geht über kommunale Pflichtaufgaben kaum hinaus.“ Seither wurde nachgebessert am Kältekonzept, und seit Juni dieses Jahres gibt es auch ein Hitzekonzept. Mieterforum sprach darüber mit bodo-Redaktionsleiter Bastian Pütter. Obdachlosigkeit ist eine durchgehende körperliche Belastung

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